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Auf ein Interview mit Christoph Mencke

“Eigentlich bin ich Zauberer.”

Das ganze Interview war von Anfang bis Ende ein Abenteuer.

Wir starten frühzeitig von Hanau aus, dieses Mal soll es für uns in die Rhön gehen. Unser Roadtrip ist am Anfang noch angenehm und endet in einer 4 ½ Stunden Fahrt mit viel Stau, klassischer Musik und blanken Nerven. Doch diese Odysee lohnt sich in jeglicher Hinsicht.

Da stehen wir nun. In einem Nebel, so dicht, dass man meinen könnte, wir stünden am Ende der Welt. Wir befinden uns in dem Ort Haunetal – Wehrda. Es wird immer dunkler und damit mystischer. Die Straßenlaternen sind an, aber ansonsten wirkt alles um uns herum ganz ruhig. Wir machen uns auf die Suche und werden schnell fündig: Ein alter Hof, umgeben von Nebel. Unser Atem ist sichtbar in der abendlichen Luft.

Der Künstler sieht uns bereits und kommt uns aus einem alten Stallraum entgegen.Vor uns steht eine schwarz gekleidete Person, viele Tattoos und unfassbar herzlich. Christoph Mencke ist nicht alleine, er wird von einer schwarzen Katze namens “Salem” begleitet. Wir wärmen uns an einem Ofen in besagtem Raum mit Tee und Kaffee auf.

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Weiße, steinerne Wände, zwei Motorräder in der Mitte, Masken und Waffen aus Sneakern an den Wänden – Wo liegt der Ursprung zu seinem künstlerischen Schaffen?

“Also im Endeffekt habe ich mich schon immer mit Kunst beschäftigt. Als Kind viel gebaut und gemalt, im Wald aus Steinen und Stöcken Muster gelegt und hab bis heute immer ein Skizzenbuch einstecken.”

Insgesamt versuchte sich Christoph Mencke an verschiedenen Medien: Er schrieb Gedichte, fotografierte und blieb offen. Dann kam die Bildhauerei:

“Ich bin zwar gelernter Holzbildhauermeister, doch hab ich mich nie nur auf Medium beschränkt und arbeite bis Heute mit jedem Material, dass mir in die Finger kommt.”

Was für Materialien das waren?

“Das hatte auch immer viel damit zu tun, was ich nebenbei gemacht habe. Aus meiner Zeit als Fotograf im Fashion Bereich entstand eine große Serie an Masken und Waffen aus Sneakern und Baumwolle. Ich arbeite mit Knochen, Wachs, Holz, Stahl, Beton und Farbe und Versuch vieles zu kombinieren.”

Er weist auf eine Skulptur neben der Bank, auf der er Platz genommen hat. Holz scheint die Basis zu sein. Es handelt sich um eine deformierte Figur, Stangen aus Metall durchbohren den Hals. Weniger brutal als eindrucksvoll und ausdrucksstark.

“Das ist meine erste Holzarbeit seit elf Jahren.”

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Bei so vielen verschiedenen Werken, möchte ich wissen, was sein liebstes ist. Es ist immer das, woran er aktuell arbeitet. Das sind oftmals mehrere zur gleichen Zeit. Die Kunst um uns herum ist vielfältig. Christoph Mencke hat viel ausprobiert: Ob Musik, das Schreiben, Malen oder Bildhauerei:

“Ich habe versucht herauszufinden, wo wirklich mein Herzblut drin steckt und womit ich Geld verdienen kann. Mein Beruf ist Künstler. Vermutlich gab es für mich nie eine andere Option, als das zu werden, was ich bin und das zu machen, was ich mache.”

Kunst ist ein Mittel des eigenen Ausdrucks, oder?

“Ja natürlich. Was ist Kunst denn sonst?”

Ich habe im Laufe der Zeit verschiedene Beschreibungen dieses Handwerks gehört, auch von den Künstlerinnen und Künstlern selbst. In der Geschichte waren je nach Epoche unterschiedliche Inhalte präsenter. In der zeitgenössischen Kunst ist es ebenfalls unterschiedlich, welchen Anspruch die Kunstschaffenden an ihre eigenen Werke haben. Selten habe ich jemanden so im Einklang mit seinen Arbeiten gesehen, dass man sie tatsächlich als Erweiterung von ihm sehen könnte.

“Für mich sind das was ich mache Selbstgespräche. Es wird erst ein echter Dialog daraus wenn man seine Werke zeigt. Es geht viel um Kommunikation. Ich mache das um mit mir selber besser klar zu kommen und beschäftige mich in meiner Kunst mit Themen die mich auch privat beschäftigen, zum Beispiel Sexualität. Dabei entstand dann meine Vulva Skulpturen Serie.”

Auch seine Holzskulptur beschäftigt sich damit. Durch verschiedene Merkmale thematisiert sie das aktuelle Thema der Diversität und die ständigen Diskussionen, denen man ausgesetzt ist. Zu viele Menschen verschließen sich noch dagegen. Christoph Mencke sieht in seiner Kunst eine Form von Bildung, die Thematiken sind sein Bildungsauftrag. Mal nimmt er diesen sehr ernst, manchmal spielerisch und witzig.

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“Meine Inspiration ist meine Umwelt, die Natur, Musik, Pop Kultur, Weltgeschehen und alltägliche Probleme. Das diskutier ich dann auf diese Weise mit mir aus. Deshalb bezeichne ich meine Werke oft als Selbstgespräche mit Gott.”

Spiritualität, der eigene, innere Konflikt, Melancholie – Es ist ein Weg zum Einklang mit sich selbst. Es ist Verarbeitung, Erinnerung, ein offener Umgang mit den eigenen Emotionen und Gedanken. So fühlt er immer eine Leere, wenn ein Projekt kurz vor dem Abschluss steht. Es ist der Versuch, das darauffolgende Gefühl hinauszuzögern. Während der Arbeit besteht diese direkte Verbundenheit mit dem Werk, danach löst sich dieses Band und sie werden zu Relikten wie aus einer anderen Welt. Christoph Menckes Weg von der Inspiration zum Bild löst selbst in seiner Erzählung eine Stille und Ruhe in einem aus. Es klingt nach ganz ehrlichem und selbst erarbeiteten Frieden, dieser Umgang klingt so wünschenswert.

Eins seiner Hauptaugenmerke liegt in dem Umgang mit Materie und verschiedenen Reaktionen, der Kombination aus unterschiedlichen Materialien und Bearbeitungsweisen. Wie zum Beispiel angesprühtes Metall für seine Vulva-Reihe mit Schweißnähten versehen. Als er mal gefragt wurde, wie er seinen Beruf bezeichnen würde, antwortete er:

“Eigentlich bin ich Zauberer.”

Tatsächlich nennt er sich selbst New Age Alchemist. Das vereint seine Experimente mit Materialien und seine spirituellen Interessen. Salem springt im selben Moment auf die Schultern meines Kollegen Hendrik. Die gelben Augen beobachten uns wissend. Alchemist ist der treffendste Ausdruck für ihn. Es passt zu seiner Arbeit, seiner Art, zu diesem Ort

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Skulpturen, Messer, Möbel, Motorräder: Seine Fähigkeiten hat er sich selbst erarbeitet.

“Mir wurde mein ganzes Leben von allem Menschen gesagt, dass ich das und das nicht kann. Meine Schulzeit war die Hölle und ich bin immer noch dabei die Selbstzweifel zu überwinden. Denn eigentlich kann ich alles. Alles tun und alles sein”

Seine Schulzeit war auch aufgrund seiner ADS-Diagnose schwierig. Zu seiner Zeit gab es noch keinen angemessenen Umgang damit, geschweige denn Rücksicht. Salem beginnt wieder um uns herum zu tigern. Wir trinken Tee, beobachten ihn und unterhalten uns über die Gesellschaft, Politik, Sexualität und über Spirituelles. Im Anschluss bekommen wir noch die anderen Räumlichkeiten gezeigt und als wir den Tisch für die Schweißarbeiten gezeigt bekommen, fertigt Christoph für meinen Kollegen und mich noch eine Kleinigkeit an. Wir sind gebannt, inspiriert und ruhig. Nicht innerlich – da sind wir die ganze Rückfahrt über begeistert. Christoph Mencke ist ein Teil von Tacheles.

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5 Fakten über Christoph Mencke:

  • Er ist in diesem Dorf nicht “der Andere”, hier wird er akzeptiert, so wie er ist und selbst wenn “wäre es mir einfach egal”
  • Salem ist ihm letzten Winter zugelaufen und sitzt auch manchmal beim Arbeiten auf seiner Schulter
  • Er reinigt seine Werke mit Weihrauch, bevor er sie in andere Hände gibt, damit die Energien die er dort verarbeitete nicht weitergegeben werden
  • Er postete Bilder von Metallplatten mit Schweißnähten auf Instagram und diese wurden gesperrt, weil manche Menschen fanden, dass diese aussehen wie Vulvas, das war der Beginn diese Reihe
  • Er stellt Messer aus Altmetall her, wunderschön und scharf
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