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Auf ein Interview mit Gudrun Gröting

“Wir haben Risse, wir haben Narben, aber der Mensch ist stark.”

Zum ersten Mal führt uns ein Interview für Tacheles Spotlight aus Hanau heraus nach Frankfurt. Hier gewährt uns heute die Künstlerin Gudrun Gröting einen seltenen Einblick in ihr Atelier.

Wir laufen durch das große Tor eines Industriegebäudes, Backstein wohin man auch sieht. Schließlich sammelt uns Frau Gröting im riesigen Innenhof ein und führt uns zu einer fast schon unscheinbaren Tür. Kurz nach dem Betreten hat das Äußere nichts mehr mit dem zu tun, was uns erwartet.

Manchmal führt man Gespräche im Leben, die sehr prägend wirken und noch lange nachklingen. Es fallen Worte, über die man erstmal nachdenken muss. Diese Konversationen gehören zu diesen, die man nie wieder vergessen wird. Es ist das erste Interview was wir auf dem Boden sitzend führen. In dem Raum mit den hohen Decken, stehen und hängen riesige und ganz kleine Werke von Frau Gröting. Sie sitzt vor uns in einem Stuhl. Es hat alles etwas Erhabenes, wie sich nachfolgend herausstellt, gilt das für das ganze Interview.

Gudrun Gröting fand in New York zur Kunst. Sie lebte dort mit ihrem Mann und arbeitete für eine große deutsche Bank. Zur Entspannung malte sie nebenbei.

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“In New York allerdings sind dann sehr viele interessante Dinge passiert mit mir. Ich habe ein paar Erlebnisse gehabt, die dazu geführt haben, dass ich wusste, innerlich, ich muss aufhören mit dem Bankgeschäft. Ich bin eigentlich eine Künstlerin und ich möchte abstrakt malen, und ich habe Angst davor, dass ich versage.”

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Die nächste Aussage ist es, die die Luft mit Emotionen füllt: “Es gab diesen Moment, ich saß in der Wallstreet im 33. Stock und habe mehr oder weniger die Anträge von links nach rechts geschoben und immer dazwischen eigentlich geträumt, und ich konnte genau das World Trade Center sehen, was es damals noch gab. Morgens um 11 ist dann ein kleines Sportflugzeug gekommen und ist leicht gekippt zwischen den Türmen durchgeflogen. Das hat mir den Mut gegeben aufzustehen und zu sagen:

“Okay, wenn ich denn die bin, die ich meine zu sein, dann jetzt und dann darf ich auch keine Angst mehr haben. Dann muss ich aufhören davon zu reden, denn sonst bleibe ich ewig bei der Bank, aber über alles andere darf ich dann nicht mehr sprechen.”

In New York gab es ein weiteres Erlebnis, was mit zu dieser Verkettung von Umständen gehört, die im Endeffekt auch dafür gesorgt haben, dass wir jetzt hier sitzen dürfen: “Ein anderes Erlebnis war, dass ich im Museum of Modern Art war und plötzlich vor einem schwarzen Bild von Ad Reinhardt saß und nur Farben gesehen habe, aber nicht schwarz. Es waren Pastellfarben, die aus dem Schwarz herauskamen.” Es war klar: Jetzt oder nie.

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Ihren Job bei der Bank mochte sie sehr, aber irgendwas fehlte. Nach Monaten der Planung kündigte sie schließlich. Ihr damaliger Chef hatte Verständnis dafür. Nach anfänglichen Zweifeln ging es los: Schnell wurde ihre Bewerbung für eine Ausstellung des Brooklyn Museums angenommen und sie konnte Teil einer Straßenausstellung mit ca. 200 Künstler:innen werden. Es waren ihrerseits sehr kleine Bilder, denn “in Amerika ist alles groß: Die Grundstücke sind groß, die Häuser sind groß, die Autos sind groß und ich wollte ihnen beibringen, dass die eigentliche Größe im Kleinen liegt.” Am letzten Abend der Ausstellung bekam sie den ersten Preis für ihr Engagement.

“Von da an habe ich nur noch gemalt mit vielen up’s und down’s, aber ich wusste, dass die down’s genauso dazugehören wie die up’s.” Nebenbei studierte Frau Gröting realistische Malerei an der New School of Fine Arts, aber sie brach das Studium ab: “Ich habe dann ganz schnell gemerkt, dass das Realistische mir insofern nicht liegt, weil ich unbedingt malen möchte, was ich fühle.” Während des begonnenem Studiums fiel mehrfach die Aussage „paint, don`t think“. Ein Ausspruch, der sie weiterhin begleitet.  Das ist ein bekanntes Thema auch in der Kunstgeschichte: Schon der Expressionismus wurde als “Kunst des gesteigerten Ausdrucks” bezeichnet, es ging um die Darstellung der eigenen Gefühle. “Nur wie sieht das denn aus, was wir fühlen? Das weiß man ja selbst nicht, aber am Ende, wenn man dann ein Bild hat, was fertig ist, dann sieht man es an und denkt: Das Gefühl kenne ich!” Es ist das Stilmittel für ihre Kunst: Alles loslassen und dabei intuitiv die Kontrolle über die Arbeit behalten. Die Werke, die sich mit uns im Raum befinden bestätigen das. Es ist wie in den Spiegel zu schauen, in die eigenen Augen und dem Blick standzuhalten. Die Bilder von Gudrun Gröting anzusehen, kann sich genauso anfühlen: Real, selten und auf eine unbestimmte Art wertvoll. “In manchen Bildern erkenne ich mich viel besser, als wenn ich in den Spiegel schaue.”

Ihre Herangehensweisen können dabei unterschiedlich sein: “Früher gab es dieses Abklatsch-Spiel, wo Mädchen oder Jungen hintereinander standen und der Vordere musste nach hinten rennen. Manchmal male ich ein Bild, das ist aber die Nummer zwei und die Nummer eins fällt weg und ich male alles was dahintersteht und das andere kommt nie wieder.” Egal ob Frau Gröting in New York oder in Asien lebte, ihre Gefühle bleiben das, was auf die Leinwand kommt.

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Ihr Umfeld beeinflusst dabei hauptsächlich die Art des Ausdrucks: So kamen bspw. Bambus und Töpfe in Asien dazu. “Bei so einem Topf z.B., weiß man gar nicht, ist er stark, ist er schwach, ist er leer, hat er eine Rückwand? Hat er Risse? Läuft etwas durch? Und so ist es auch mit dem Älterwerden: Wir haben Risse, wir haben Narben, aber der Mensch ist stark. Egal ob er graue Haare hat, ob er Narben hat, ob er Operationen hatte oder sonst was, aber die wirkliche Stärke, die liegt ja im Menschsein. Deswegen ist das Äußere, selbst wenn man vernarbt und wenn man alt wird und nicht mehr so glatt ist, dann ist das ist eine andere Art von Schönheit.”

Bereits seit 20 Jahren ist Frau Gröting in diesem Atelier. Wie sie zu diesen Räumlichkeiten fand? “Schon bevor wir nach Shanghai gingen, habe ich mich in diesem Gebäude gesehen.” Damals war es noch baufällig, aber die Verbindung war da. Nach der Rückkehr aus Asien rief sie vier Monate lang jeden Donnerstag um Viertel vor 9 bei den Verwaltern des Gebäudes an. Ständig hieß es, dass alles belegt sei, aber Frau Gröting wusste, was sie wollte. Irgendwann war es dann soweit: Die Räumlichkeiten waren frei.

Zu Tacheles ist sie über eine Freundin aus Maintal gekommen. Sie persönlich findet das Projekt toll und gerade als langjähriger Künstler lohnenswert sich zu beteiligen. “Wenn die Menschen gehen und haben ein, zwei Bilder im Kopf, ich finde, dann hat Hanau ihnen schon ein Geschenk gemacht.”

Wir lassen uns noch einige Werke zeigen. Die meisten übersteigen unsere Körpergrößen, wirken aber alles andere als erschlagend. Beeindruckt, nachdenklich und ruhig verabschieden wir uns irgendwann.

Gudrun Gröting ist ein Teil von Tacheles.

5 Fakten über Gudrun Gröting: 

  • Ihr Lieblingsbild von sich selbst, zeigt den Stamm eines Bambus. Es ist für sie wie ein Selbstportrait.
  • Ihr Atelier sehen nur selten andere Menschen.
  • Für sie ist Kunst ein Bedürfnis des Menschen.
  • Eines der liebsten Werke ihres Mannes zeigt Fische, die aus dem Bild heraus modelliert sind und die man berühren kann.
  • Ihr Lieblingsbild hing lange in dem eigenen Wohnzimmer.
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