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Auf ein Interview mit Marianne Götting

“Sobald ich da unten bin, habe ich die Welt vergessen.”

Es ist ein heißer Tag, die Luft flirrt, die Sonne ist stark. Wir laufen durch die Steinheimer Altstadt und sehnen uns nach etwas mehr Frische.

Das Atelier von Marianne Götting gibt uns, was wir brauchen. Es liegt im Erdgeschoss eines älteren Gebäudes, direkt beim Betreten wird es angenehm kühl. Nicht nur das: Man fühlt sich, als kommt man nach hause. Unterstrichen wird das Ganze durch die Inneneinrichtung. In einer Ecke steht ein Tisch mit Stühlen, gegenüber eine riesige, alte Couch, ein Sessel, ein Sofatisch. Musik wie in einem französischen Café läuft im Hintergrund, wir bekommen Getränke in feinem, alten Geschirr serviert. Man ist in Steinheim und doch ganz woanders. Wie immer wollen wir zu den Wurzeln: wie und wo hat alles angefangen?

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Marianne Götting war auf der damaligen Kunstgewerbeschule in Offenbach angemeldet. Sie lächelt, während sie spricht, der Grund gibt das her: “Ich wurde auch angenommen, aber dann ist etwas privates dazwischen gekommen – ein Baby.” Der Traum pausierte, aber sie machte es wieder gut: “Ich bin viel zu Akademien gefahren, für acht Tage oder so und hab immer wieder neue Techniken dazugelernt. Das mache ich eigentlich immer noch.” Das bildet sich in ihrem Stil ab: Die Arbeitsweise ist unterschiedlich, klar kann man jedoch Figuren erkennen, die sich abbilden: Gesichter, Formen – Als Betrachter findet man sich in verschiedenen Situationen wieder, ohne dabei gewesen zu sein. Ihre Technik ist “flotter und  flüssiger, nicht so pingelig fein gemalt.” Die Farben variieren, sie “kommen darauf an, welchen Kurs ich gerade gebucht habe.” Wir lachen. Das Wetter, der Tag, die Bilder und dieser Raum – alles harmoniert.

Ein spezielles Bild in schwarz-weiß zeigt sie uns bei dem Thema: “Das hat mich 14 Tage gekostet.” Die Konturen in diesem Bild entstehen lediglich durch das Ausradieren. Es ist eine spannende, aber aufwendige Technik. Deshalb möchte sie es auch nicht verkaufen, in diesem Werk stecken Nerven und Herzblut. Sie stellt es vor uns und wir können nur: “oh wow”, “wow” sagen. Es ist ein Portrait mit so viel Tiefe, dass man in dem gezeigten Gesicht versinken und doch nur die Oberfläche berühren würde.

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Was ist Kunst für Marianne Götting? Die Antwort brennt fast wortwörtlich vor Leidenschaft: “Ich bin eine Besessene. Wenn ich in diesen Raum gehe, dann springen mir die Pinsel einfach in die Hand. Ich hab da schon einiges auf meinem Herd verbrennen lassen, weil ich einfach nicht mehr daran gedacht habe, dass da oben Fleisch drinnen ist. Das ist bei mir normal. Sobald ich da unten bin, habe ich die Welt vergessen.” Es sind Aussagen wie diese, die einen selbst innehalten lassen:

“Ich male schon mein ganzes Leben. Das ist meine Erfüllung. Das bedeutet alles für mich. Es ist mein Glück.”

Es ist unter anderem diese Passion, die mitschwingt, als wir erfahren, warum sie ihre Bilder so günstig verkauft: “Weil ich alt bin und denke, anschließend schmeißen die alles weg, dann kann ich sie auch billig verkaufen.” Geld? Darum geht es Marianne Götting nicht. Von der Kunst an sich hat sie nie gelebt. Es ist die Leidenschaft dafür, es ist das Herzblut das in ihren Werken steckt, es ist die Erfüllung, die ihr von der Kunst zurückgegeben wird. Wir verweilen hier noch etwas, in diesem Wohnzimmer, gefühlt sind wir eben erst angekommen. “Soll ich Ihnen etwas sagen? Bei einem Glas Wein wird es noch gemütlicher.” Marianne Götting ist ein Teil von Tacheles.

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5 Fakten über Marianne Götting:

  • Bei Familienurlauben blieben alle am Meer, während sie auch weite Wege auf sich nahm, um Museen und Galerien zu besuchen
  • Emil Schumacher, ein deutscher Maler und Vertreter des Informel, ist ein Künstler, den sie sehr bewundert
  • Samstags und Sonntags, von 15 – 18 Uhr, kann man zu ihr ins Atelier kommen, Wein trinken, Kuchen essen und interessante Gespräche mit verschiedenen Menschen führen
  • Mit dem Malen möchte sie nie aufhören, wenn sie nicht mehr stehen kann, dann möchte sie am Tisch oder auf dem Boden weitermachen
  • In ihrem Atelier verkauft sie auch Bilder für einen Freund, deren Erlös an die Aids-Stiftung geht.
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